Wechselmodell – the good, the bad and the ugly

Das Wechselmodell – kaum ein Thema bringt im Moment frisch getrennte Familien und die Gerichtssäle mehr zum Kochen. Und immer wieder stellt sich die Frage, kann/soll das Wechselmodell gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden? Ist das im Interesse der Kinder? Hier ist meine Meinung dazu:
Es gibt verschiedene Möglichkeiten den Umgang zu regeln. Alle haben ihre Vor- und Nachteile:

1. The good

Die Riesenchance am Wechselmodell ist die Möglichkeit, Last und Freude der Kindererziehung und der beruflichen Karriere aufzuteilen, so dass beide Eltern in beiden Bereichen ihr volles Potential erreichen können. Bei der Diskussion um das Wechselmodell als Regelmodell nach einer Trennung argumentieren die Befürworter (z.B. Sünderhauf), dass das Wechselmodell einem modernen Familienleben viel eher entspricht als das Residenzmodell. Wenn beide Eltern bislang die Kinder paritätisch betreut haben, macht es Sinn, das nach Möglichkeit nach der Trennung auch weiter so fortzuführen.

Einigen sich die Eltern auf das Wechselmodell, ist das „Hin-und-Her“, dass viele Eltern abschreckt auch meist unproblematisch. Je nach Modell kommt es sogar zu weniger Wechseln zwischen den Haushalten. Und Studien zum Wechselmodell ergeben, dass Kinder sich superwohl fühlen und beide Eltern mit allen guten und nicht ganz so guten Eigenschaften im Alltag erleben dürfen.

Auch die Eltern profitieren. Es bleibt nicht die ganze Carearbeit an einer/einem hängen, sondern die tollen und die halbtollen Seiten des Lebens mit Kindern dürfen und müssen beide tragen und erleben. Da bleibt dann auch Zeit für Karriere, Freizeit und den Menschen hinter
der Elternrolle.


2. The bad

Verfechter des „Wechselmodells für Alle“ führen häufig die guten Erfahrungen Skandinaviens mit dem Wechselmodell ins Feld. Das Problem an dem Vergleich ist, dass Deutschland nicht Skandinavien ist und die gleichberechtigten Berufschancen für Mütter ungefähr so realistisch sind, wie Begegnungen mit einer lila Kuh. Es gibt viele Kühe und es gibt viele berufstätige Mütter. Aber dass die Situation der berufstätigen Mütter gleichberechtigt ist mit der Situation berufstätiger Väter ist ungefähr so wahrscheinlich, wie beim Spaziergang einer lila Kuh zu begegnen. 🐮😁. Das komplette gesellschaftliche System – inklusive der Steuer – ist auf eine „Zuverdiener-Partnerschaft“ mit Kind ausgelegt. Und das ist auch das am häufigsten gelebte Familienmodell. Geht diese „Zuverdiener-Partnerschaft“ auseinander, ob mit Trauschein oder ohne, muss das System zur Installation des Wechselmodells nun plötzlich umgekrempelt und alles ganz neu und gleichberechtigt geregelt werden. Klingt zwar gut, bringt aber einige Probleme mit sich, jedenfalls wenn es sich nicht um eine gemeinschaftlich etablierte Veränderung handelt, sondern ein künstlich aufgestülptes System.

⚡Gerade kleine Kinder reagieren empfindlich auf die Veränderungen beim Schwerpunkt der Hauptbezugs- und Bindungspersonen.

⚡Die Kinder in erzwungenen Wechselmodellen werden häufig zu Botschaftern zwischen den Eltern und müssen deren Kommunikationsprobleme ausbaden.

⚡Es entstehen massive wirtschaftliche Nachteile für die Mütter*, die ohnehin oft wirtschaftlich schlechter gestellt sind. Mehrere Jahre berufliches Zurückstecken zugunsten der Carearbeit lassen sich in der Regeln nicht von einem Tag auf den anderen durch plötzlich paritätische Kinderbetreuung aus der Welt schaffen.

⚡ Unterhaltsausgleichszahlungen fallen zwar NICHT weg, sind aber massiv reduziert. Gut für den bisherigen Hauptverdiener, blöd für den Hauptbetreuer.

⚡Unterschiedliche Erziehungsstile können für Belastungen beim Kind sorgen.


3. The ugly

Das Wechselmodell hat gute Seiten und es hat schlechte Seiten. Es ist eben eines von vielen Lebensmodellen für getrennte Familien, mit Vor- und Nachteilen. Es ist ein Modell, dass für manche Familien passt und für andere nicht. Derzeit hat das Wechselmodell aber noch eine besonders hässliche Seite. Und das ist der Kampf der vehementen Befürworter gegen die vehementen Gegner. Dieser Kampf hat mit Kindeswohl nichts mehr zu tun. Es ist kein Kampf um die Kinder, es ist ein Machtkampf, der über die Kinder und ohne Rücksicht auf Verluste geführt wird. Dabei geht es nicht mehr um die Kinder, sondern um Geld und in aller erster Linie um Macht.

Das Wechselmodell wird genutzt, um Grenzen der/des Ex zu überschreiten und Kontrolle auszuüben und manchmal auch als Mittel, um die Kinder auf die „eigene Seite“ zu ziehen. Es heißt zwar, dass das Wechselmodell gerade einer Entfremdung entgegenwirken soll, in meiner Erfahrungs-Bubble ist allerdings öfter auch das Gegenteil der Fall.

Bei einem Wechselmodell ist die Absprachefähigkeit von besonderer Bedeutung. Wenn die Absprachenotwendigkeit dann dazu genutzt wird, über den anderen (weiter) Macht und Kontrolle auszuüben, wird die Sache hässlich.