Gemeinsames Sorgerecht – braucht man das oder kann das weg?

Sorgerecht – was ist das eigentlich? Das Recht sich Sorgen zu machen? Das Recht zu um-sorgen? Zu ver-sorgen?

Überwiegend wird Sorgerecht ja mit Kindern in Verbindung gebracht, manchmal auch mit Hunden. Oder auch mit den Eltern, denn wenn die älter werden, muss man sich um die ja auch sorgen.

Sorgen darf man sich sicherlich bei allen drei Gruppen machen, aber hier soll es zunächst einmal um das gemeinsame Sorgerecht der Eltern für ihre Kinder gehen

Die gemeinsame elterliche Sorge

Die gesetzlichen Grundsätze der elterlichen Sorge sind in § 1626 BGB niedergeschrieben. Das Sorgerecht ist nicht ein einzelnes Recht. Schon in §1626 wird unterschieden zwischen der Personensorge und der Vermögenssorge. Die Personensorge beinhaltet aber wiederrum ein ganzes Bündel an Rechten und Pflichten, wie zum Beispiel dem Aufenthaltsbestimmungsrecht (§ 1631 Abs 1 BGB), der Schulsorge (§1631 a BGB) oder dem Recht zur Bestimmung des Umgangs mit anderen Personen (§1632 Abs.2 BGB) und viele andere mehr.

1. Wie bekommt man eigentlich das gemeinsame Sorgerecht?

Verheiratete Eltern bekommen dieses ganze Bündel an Rechten und Pflichten ganz automatisch mit der Geburt ihres Kindes gemeinsam übertragen.

Bei unverheirateten Eltern muss der Vater erst eine Sorgeerklärung abgeben und die Mutter muss dieser zustimmen und nein, die reine Anerkennung der Vaterschaft reicht nicht aus. Wie fair oder sinnvoll es ist, dass der Vater ohne Trauschein nicht nur sagen muss, dass er der Vater ist, sondern zusätzlich ausdrücklich erklären muss, dass er auch tatsächlich die väterliche Verantwortung übernehmen möchte und die Mutter dieser Erklärung zustimmen muss, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt.

Die Mutter bekommt in (fast) allen Fällen das Sorgerecht automatisch mit der Geburt des Kindes. Ausnahmen gibt es bei minderjährigen Müttern oder bei einem vorgeburtlichen Sorgerechtsentzug.

Der Ehemann, der gar nicht Vater des Kindes ist, bekommt diesen Strauß an Rechten und Pflichten für das Kind automatisch gemeinsam mit der Mutter übertragen und muss sich dagegen erstmal wehren, wenn er das nicht möchte. Dafür ist es auch zunächst egal, ob das Ehepaar schon seit ewigen Zeiten getrennt lebt und eigentlich jedem klar ist, dass es nicht das Kind des Ehemannes ist und auch überhaupt niemand möchte, dass er der Vater des Kindes ist. Um auf die Frage aus der Überschrift zurück zu kommen: hier liegt dann wohl ein Fall von „das kann weg“ vor.

2. Braucht man das gemeinsame Sorgerecht oder kann das weg?

In einer perfekten und friedlichen Welt, bei der alle stets nur am Wohlergehen des Kindes interessiert sind, lautet die Antwort wohl: braucht man immer.
Aber was ist eigentlich, wenn die Eltern, die beide sorgeberechtigt sind, sich trennen und dann ein erbitterter Streit um das Sorgerecht für die Kinder ausbricht? Bleiben wir der Einfachheit halber mal bei den Stereotypen: Was hat der Vater denn von seinem Sorgerecht, wenn er jetzt auszieht und das Kind nur noch alle zwei Wochen am Wochenende sieht?
Muss die Mutter nun jeden Morgen einmal anrufen und mit dem Vater darüber diskutieren, ob es schon warm genug für die Übergangsjacke ist oder ob das Kind besser noch einmal die Winterjacke anzieht?

Und was ist, wenn die Einschulung oder ein Schulwechsel bevorsteht und die Eltern sich nicht einigen können, welche Schule es denn nun jetzt werden soll, wer soll denn das entscheiden?

Praktischerweise werden viele dieser Fragen durch Gesetze und die Rechtsprechung beantwortet. In Alltagsentscheidungen ist derjenige Elternteil alleine entscheidungsbefugt, bei dem sich das Kind gerade befindet. Also darf die Mutter das Kind einkleiden wie sie möchte. Ja – auch wenn die Winterjacke hässlich ist und etwas zu warm für die Temperaturen. Der Vater darf an seinem Umgangswochenende entscheiden, dass der Sohn auf keinen Fall mit diesem hässlichen Parka mit den lila Streifen vor die Tür geht. Jedenfalls solange man voraussetzt, dass keine der Entscheidungen dem Kind körperlichen und seelischen Schaden zufügt.

Bei wichtigen Fragen, z.B. der Schulwahl, der Taufe, anstehenden Operationen u.ä. sieht die Sache schon anders aus.

Bei wesentlichen Entscheidungen, müssen die gemeinsam sorgeberechtigten Eltern eine Einigung finden. Wenn sie sich aber partout nicht einigen können, muss das Gericht entscheiden. Das Gericht entscheidet aber nicht, in welche Schule das Kind nun geht, sondern nur, welcher Elternteil diese Entscheidung treffen darf. Und es gibt entweder die Möglichkeit die gesamte Schulsorge, als einen Teil des Sorgerechtes auf einen Elternteil zu übertragen oder die Befugnis für diese einzelne Entscheidung. Das gilt natürlich für alle Bereiche des Sorgerechts.

Solange das Kind durch keine der beiden Entscheidungen gefährdet wird, wird das Gericht in aller Regel dem Elternteil, bei dem das Kind die meiste Zeit verbringt, die Entscheidungsbefugnis übertragen. In dem Beispielsfall also der Mutter, bei der das Kind lebt und die im Zweifel auch die Teilnahme am Schulunterricht organisieren muss.
Wenn die Entscheidungsbefugnis aber ohnehin häufig auf den betreuenden Elternteil übertragen werden muss, wozu braucht man dann überhaupt die gemeinsame Sorge?
Das Sorgerecht umfasst ein großes Bündel an Rechten und Pflichten und es gibt eine Vielzahl von Situationen, bei denen es wichtig ist, dass beide Eltern in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. So lastet die Verantwortung für das Leben und den Lebensweg des Kindes auch auf beiden Eltern.

Durch das gemeinsame Sorgerecht ist es außerdem beiden Eltern möglich Informationen über ärztliche Behandlungen oder die Entwicklung in Schule und Kindergarten direkt bei den Ärzten oder der Schule, dem Kindergarten einzuholen. Gerade bei sehr verstrittenen Eltern kann das zu einer Entspannung der Elternebene beitragen.

Und schließlich ist nicht immer so, dass die Entscheidungsbefugnis dem betreuenden Elternteil übertragen wird. In letzter Konsequenz wird immer bewertet, was entweder dem Kindeswohl am besten entspricht oder das Kindeswohl nicht gefährdet.

In vielen Fällen stellt die gemeinsame Sorge auch gar kein Problem dar.

Alltagsentscheidungen können von jedem Elternteil selber getroffen werden und eine Abstimmung darüber, welche Jacke getragen wird und ob die Nachbarin dem Kind Mathenachhilfe erteilt oder nicht und ob Meerschweinchen eine gute Wahl für ein erstes Haustier sind, muss gar nicht erfolgen.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass das Sorgerecht in die „braucht man“ Kategorie fällt. Und Dank der Alleinentscheidungsbefugnis im Alltag kann das Sorgerecht und damit die Entscheidungsverantwortung für das Leben und den Lebensweg des Kindes in vielen Fällen auch von getrennten und zerstrittenen Eltern weiter gemeinsam getragen werden.
Wenn die gemeinsame Sorge praktisch gar nicht mehr ausgeübt werden kann, weil jede Entscheidung ein Machtkampf zwischen den Eltern wird und es überhaupt keinen gemeinsamen Nenner mehr gibt, wenn Gewalt und Missbrauch oder auch völlige Ignoranz und Missachtung durch einen Elternteil vorliegen ist die gemeinsame Sorge eher schädlich als nützlich.

In dem Fall kann die gemeinsame Sorge durch ein Gerichtsverfahren aufgehoben oder verwehrt werden.